Schauen Sie herein…

Wenn Menschen kein Geschichtsbewusstsein haben,
und die Gesellschaft leidet darunter,
haben Sie natürlich auch kein Kunstgeschichtsbewusstsein.
also auch kein Kleinkunstgeschichtsbewusstsein.
Werner Schneyder

 

Aufgabe 

Kabarett als Spielform der Satire, sein literarischer, politischer, philosophischer und poetischer Gehalt stehen im Vordergrund des dokumentarischen Interesses, die fortlaufende Sammlung und wissenschaftliche Nutzbarmachung seiner vielfältigen Erscheinungsformen ist die zentrale Aufgabe des Deutschen Kabarettarchivs.

Auf mehr als tausend Quadratmetern an zwei Standorten unterhält das Archiv eine umfassende Bibliothek, Disko- und Videothek, Plakat-, Noten- und Zeitschriftensammlungen. Archivalien wie Typo- und Manuskripte, Pressekritiken, Fotos, Programmhefte, Text- und Regiebücher, Handschriften, Urkunden, Briefwechsel, Szenenbilder, Entwürfe und Abhandlungen finden sich in rund sechstausend Ordnern und werden fortlaufend ergänzt.

Täglich werden Anfragen bearbeitet, Benutzer kommen aus aller Welt. Das Archiv dient in erster Linie als Forschungsstätte und Quelle für Studien, Dissertationen und Examensarbeiten in den Fächern Literatur- und Theaterwissenschaft, Medien- und Musikwissenschaft, Linguistik, Soziologie, Kommunikations-, Kultur- und Politikwissenschaft.

 

Schauen Sie herein…

Sie werden von mir überrascht sein, wenn Sie mich besuchen im historischen Proviant-Magazin in Mainz. Ich bin alles andere als das Klischee eines verstaubten Archivs. Trotz meiner Jugend ein Klassiker, wenn man das so sagen darf. Ich erlaube es mir, mich auf meinen über tausend Quadratmetern in geradezu musealer Eleganz zu zeigen. Für Sie natürlich! Schließlich erfülle ich einen Auftrag. Im kulturellen Interesse der Öffentlichkeit. Ich bewahre ein komplettes Genre, eine eigen-artige Kunstform sozusagen! Mein Schöpfer trug mich als ‚Dokumentationszentrum deutschsprachiger Satire’ ins Stammbuch ein. Gleich nach seiner Ankunft in Mainz 1961  nannte er mich stolz ‚Deutsches Kabarettarchiv’.

Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich weltweit um die Spiel- und Erscheinungsformen der Satire. Deshalb bekommen wir so oft internationalen Besuch. Unlängst war eine Studentin aus Moskau da, um Material aus den zwanziger Jahren für ihre Promotion aufzuspüren und eine Professorin aus Japan interessierte sich für das Kabarett im Exil. Einmal hielt sich eine Doktorandin der Yale-University neun Monate lang in den Tiefen des Archivs auf, um der Rolle des Spielmannes im Mittelalter als Vorläufer des politischen Liedermachers auf die Spur zu kommen. Regelmäßig bringen schriftliche Anfragen aus aller Welt das große Interesse an meinen Schätzen zum Ausdruck. Deshalb konnte ich seit Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts bislang weit über hundertsechzig Ausstellungen eröffnen. In sieben europäischen Ländern. Darunter Frankreich. Im Maison Heinrich Heine der Cité Universitaire Internationale de Paris: LE MONDE, UN CABARET! Les débuts du cabaret littéraire en Allemagne et en France.  Montpellier, Toulouse, Lyon, Dijon folgten. Im deutschsprachigen Raum tingelten wir mit „100 JAHRE KABARETT von Alzey bis Zürich. Sie zeigt zu einem guten Teil, was in mir steckt: Das Genre! Seine Erscheinungsformen. Deren Geschichte. Es geht bei mir um die Künstlerinnen und Künstler. Speziell auch um das politisch-literarische Kabarett als einer auf Demokratie und Freiheit zielenden Kunst. Um seine Autoren geht es. Deren Lebensgeschichten. Nicht selten waren es Leidensgeschichten. Es geht um die Bedeutung dessen für interessierte Menschen durch alle Zeitläufte hindurch. Für das Publikum in der Belle Epoche. Zur Kaiserzeit. Zwischen Aufbruch und Zensur. Zwischen erstem und zweitem Weltkrieg. Zwischen Demokratie und Diktatur, Militarismus und Faschismus. Um Überlebenskunst geht es. Im inneren und im äußeren Exil. Zwischen den Stilen und zwischen den Stühlen. Es geht um unsere Kultur. Um deren Veränderung. Um Bildung. Und natürlich geht es ums Lachen. Heute und damals. Das Lachen über uns selbst und über die anderen… mehr