Eulenspiegel überlebt das Jahrhundert
100 Jahre Kabarett in Deutschland
von Jürgen Kessler, Leiter des Deutschen Kabarettarchivs


Am 18. Januar 1901 wurde in Berlin mit dem Programm Buntes Theater, des Über-Brettl genannten Ensembles (in Anlehnung an Nietzsches Über-Mensch), von Baron Ernst von Wolzogen das erste Kabarett in Deutschland aus der Taufe gehoben. Ein Unterhaltungskabarett mit 650 Plätzen, dem fünf Tage später mit Max Reinhardts Schall und Rauch und im April 1901 mit den Münchener Elf Scharfrichtern aber schon die kritisch-freche Variante folgt. Frank Wedekind, herausragender Satiriker der Kaiserzeit, singt hier wie auch im von Kathi Kobus geleiteten Münchener Simpl, dem langlebigsten Kabarett der Gründerjahre, seine gegen Prüderie und Spießertum gerichteten Lautenlieder.

Abgeguckt hatte man die große Kunst der kleinen Form in Paris, wo 20 Jahre zuvor das erste Cabaret in der Künstlerkaschemme Chat Noir am Montmartre das Licht der Welt erblickt hatte. Bohemiens prägten das Erscheinungsbild der ersten Stunde, literarisches Cabaret war en vogue.

Bald eingedeutscht, mit hartem K und zwei T, geriet es zunächst zum Experimentierfeld von Caféhaus-Literaten, Dadaisten und Expressionisten, Jakob van Hoddis sei hier stellvertretend genannt.

Kurt Tucholsky und Walter Mehring sind herausragende Kabarettautoren der aufregenden zwanziger Jahren: Wortführer kämpferischer Satire, die daneben aber auch Poetisches oder hinreißend Komisches zur Unterhaltung ihres Publikums schrieben. Die Mischung machte es. Nicht umsonst stammt der Name Cabaret von der in Fächer eingeteilten Salatplatte ab: immer bereit zum bunten Durch-, Gegen- und Nebeneinander verschiedener Formen für verschiedene Geschmäcker und Temperamente. In der Plattenmitte befand sich das Fach für die alles verbindende Soße. Diese Rolle kam dem Présentateur oder Conférencier zu. Rodolphe Salis, Gründer des Chat Noir, war der erste seiner Zunft.

Für Bert Brecht diente Kabarett als Anregung für seine Theorie vom epischen Theater. Mit den Chansons der Friedrich Hollaender und Rudolf Nelson und den Couplets eines Otto Reutter trieb Kabarett sich in großen Revuen und auf Varietébühnen herum, bis hin zum Tingeltangel, dem Grenzbereich zum Amourösen. Es verkörpert mit Karl Valentin volkstümlich-absurd den entwurzelten Komiker von der traurigen Gestalt. Für Werner Finck indes, dessen Gesamtnachlaß sich im Deutschen Kabarettarchiv in Mainz befindet, und viele andere, wurde es in den dreißiger Jahren, als doppelbödiger politischer Witz, zum Überlebensrisiko. Druckwerke vieler Satiriker gingen am 10. Mai 1933 in Nazi-Flammen auf. Viele Kabarettisten und Satiriker verbrachten das so genannte tausendjährige Reich zum Teil im Exil, zum Teil auch im KZ.

Nach dem Krieg beginnt eine wahre Renaissance des Kabaretts: In Trizonesien singt man trotzig-melancholisch: Hurra, wir leben noch; im Kom(m)ödchen setzt es neue Maßstäbe im politisch-literarischen Anspruch, und mit den Insulanern swingt es in den Kalten Krieg. Es trommelt mit Wolfgang Neuss die Folgen der Wirtschaftswunderjahre ins bundesdeutsche Bewusstsein und feiert mit der Münchner Lach- und Schießgesellschaft und den Berliner Stachelschweinen bald telegen Silvester. So wird es einem breiteren bürgerlichen Publikum allmählich zum Begriff. Mit Väterchen Franz (Franz-Josef Degenhardt) singt es in den Sechzigern gegen das Wiederaufkommen der Neonazis an, agitiert mit der Apo in die wilden siebziger Jahre hinein und erklärt am Ende durch Hanns Dieter Hüschs Hagenbuch alle(s) für krank und verrückt.


Der Fall Hagenbuch, 1983

In den Achtzigern parodiert es hauptsächlich Kohl, hält mit Richard Rogler die geistig-moralisch gewendete Freiheit im Zynismus aus und entdeckt mit dem aufkommenden Privatfernsehen in Deutschland zunehmend seinen Marktwert.

Seitdem ist politisch begründetes Engagement spürbar hinter die Unterhaltung zurückgetreten, was nicht nur für das Kabarett der neunziger Jahre symptomatisch und längst nicht allein den aktiven Künstlern anzulasten ist. Formen des Kabaretts wurden TV-gefällig aufgepeppt: Aus der Klamotte wurde die Comedy, aus dem Schwank wurde die sitcom (Situationskomödie), aus Komikern wurden Comedians. Schnell hochgejubelt, oft banal oder grob. “Heute brauchste Humor für das, was andere für Humor halten“, sagte Wolfgang Gruner.

Im besten Falle entsteht aber auch flotte, witzige TV-Unterhaltung für Spaß-Verbraucher. Harald Schmidt macht sich in seiner abendlichen Show in kabarettistischen Quickies nach dem Muster passiert – glossiert über Gott und die Welt lustig; schneller ist keiner. Gagschreiben am laufenden Band für die TV-Stars wird zum lukrativen Erwerb vieler Autoren. Der Düsseldorfer Solist Dieter Nuhr verlässt sich auf seine eigenen Einfälle und setzt Maßstäbe für zeitgemäß-satirisches Entertainment mit einem Schuss Philosophie, das sich nicht mehr darum schert, mit welchem Etikett ein Bühnenprogramm und sein Autor belegt wird.
Josef Hader, aus der kreativen österreichischen Szene der neunziger Jahre herausragend, umkreist in seiner ego-saftigen, zum Teil morbid-nihilistischen  Performance die alte Frage "Warum alles?" – und fordert im Internet "Werdet Mitglied im Josef Hader Fanclub".

Die deutsche Einheit fördert zu tage, wie unterschiedlich auch die Kabaretts beider Gesellschaftsordnungen waren und im Reservat ehemaliger Grenzen bisher auch geblieben sind. Ein Kapitel für sich. Ensemble-Kabarett findet hauptsächlich im Osten statt. Kabarett-Chansonabende fristen in allen Regionen eher ein Nischendasein.


Politisches Kabarett zu positionieren, ist nicht leichter geworden im Comedy-Circus der neunziger Jahre, vor allem im Fernsehen. Der Sprung von der Talentschmiede Kleinkunstbühne ins TV klappt am Besten, wenn junge Künstler sich nicht zu sehr mit Konfliktstoffen belasten. Es geht um Spaß und Kohle, um Kult und Quote. Da stört es, Ursachen oder Zusammenhänge gründlich zu reflektieren; über Symptome witzeln reicht. Pointen werden losgelassen um jeden Preis. Nicht die vorgetragene Geschichte steht heute im Vordergrund, sondern die vortragende Person, nicht ihre Einsichten, sondern ihre Effekte. Wer die entsprechende Technik beherrscht, gefälliges Auftreten und Aussehen vorausgesetzt, passt in die Formate der Medienwelt und darf dabei sein. Und das bedeutet alles, bedeutet den Nabel der Welt. Selbst wenn man sich für die Welt nur wenig interessiert. Das fördert zuweilen den Eindruck von Rückständigkeit.


Das neue "Kom ödchen", unter der Leitung von Kay S. Lorentz, hält dagegen und knüpft damit zugleich an seine alte Tradition an. Ex-Ulk-As Dieter Hallervorden versucht die Brücke zwischen komödiantisch-grotesken Spielformen und gesellschaftskritischen Inhalten zu schlagen. Dieter Hildebrandt genießt als stand-up-Oldie des politischen Kabaretts für seinen seit 1980 mit Studio-Brettl-Charme laufenden "Scheibenwischer" Bestandsschutz durch die ARD. Nestor Hanns Dieter Hüsch konstatiert, er verbreite mit seinem "öffentlichen Nachdenken mit unterhaltenden Mitteln" immer noch Hoffnungen, die aber keiner mehr will. Endzeit für Nachdenklichkeit und Tiefenschärfe, Poesie und Politik im Kabarett? Weichen die Idealisten den Zynikern, die Analytiker den Populisten, die Sonderlinge den Markt-Strategen? Zumindest steht ein Generationswechsel im Kabarett an.


Gleichzeitig gibt es kaum eine größere Gemeinde, in der Kabarett- und Kleinkunstveranstaltungen nicht irgendwann einmal von kulturell interessierten Kreisen organisiert werden. Nie gab es so viele Auftrittsmöglichkeiten. Die Freiheit des Kabaretts ist die Bühne. Den Initiatoren ist zu wünschen, den Mut zum Engagement des Nachwuchses nicht zu verlieren. Dies gelingt um so besser, wenn die TV-bekannten Künstler sich auch im hochschießenden Erfolg ihrer Basis erinnern und den Kleinkunstbühnen treu bleiben. It’s so basic..., wie Hans Liberg sagte.


Kabarett als Spielform der Satire wurde im Verlauf der letzten 100 Jahre zu einem eigenständigen Genre der darstellenden Kunst. Das Interesse bei Wissenschaft und Forschung steigt seit einigen Jahren spürbar. Studenten promovieren über kabarettbezogene Themen. Das Deutsche Kabarettarchiv in Mainz wurde zur vielgefragten Forschungsstätte (info@kabarettarchiv.de).



Grundsätzlich gehört Kabarett nicht zur Literatur, es ist auch kein Theater 2. Klasse; in dieser Beurteilung ist man sich weitgehend einig. Es ist von eigener Art; kann zeitlos sein und schnell verdaulich, gut oder schlecht, wie alles andere auch. Es ist stets ein Abbild seiner Zeit und seiner Akteure; jeder, jede für sich ist im besten Falle ein Unikat. Als Teil der Unterhaltungskultur ist Kabarett längst ,gesellschaftsfähig’ geworden. Es kann auf eine eigene Tradition zurückblicken, obwohl – oder vielleicht gerade – weil es im Wandel der Epochen und ihrer Konventionen immer wieder andere Gestalt annimmt. Eingehen wird es nur, wenn der Mensch sich für sich, also seine Mitmenschen, seinen Nachwuchs, seine Lebensbedingungen nicht mehr wirklich interessiert. Noch lebt es, nistet immer wieder mal in neuen Köpfen und pfeift hoffentlich noch lange auf jene, die es alle naslang totsagen wollen. Am 18. Januar 2001 feiert es seinen 100. Geburtstag. Gratulation und Glück auf, Kabarett!


Copyright © 2000 Jürgen Kessler
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Ernst von Wolzogen,
um 1900
Le Chat Noir, 1931
vor Abriss des Gebäudes
Werner Finck
Keine Ferien
für den lieben Spott,
Die Distel,1955